Cait steckte die Feder zurück in das Tintenfässchen, faltete ein Stück Papier zusammen, schob es in einen Briefumschlag und legte ihn vor sich hin. Sie grübelte darüber. Wann sollte sie ihn schicken? Jetzt? Später? Nie? In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie von ihrer Kindheit, wie es ihr leid täte, ihrer Liebe das Herz zu brechen und wie es dazu kommen musste. Dass sie sich um etwas kümmern müsse und niemand schlecht von ihr denken sollte. Es fiel Cait sichtlich schwer die richtigen Worte zu finden, weshalb einfach niederschrieb, was sie dachte. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und hielt sich davon ab, an ihrem Plan zu zweifeln.
Es klopfte an der Tür. "Störe ich?" fragte Tilari und betrat das Gästezimmer mit einer rötlichen Phiole in der Hand. "Ich habe noch keinen Namen dafür, aber sollte es klappen, bin ich gerne für Vorschläge offen" und überreichte ihr das Gemisch. Ohne ein weiteres Wort wollte Tilari gehen. Keine Verabschiedung und auch kein "Viel Glück". Doch etwas ließ ihn inne halten und fragen: "Weiß sie es?" Cait richtete sich auf und entgegnete traurig "Nein. Besser nicht". Sie ging zu dem Lalafell, drückte ihm den Briefumschlag in die Hand und bat ihn "Ich möchte meine Verlobte nicht mit Sorgen belasten und auch nicht im Unklaren lassen. Gib diesen Brief dem Post-Mogry, wenn ich es nicht schaffen sollte. Bitte." Er willigte ein. Sie besprachen nochmal kurz ihre Vorgehensweise und der Lalafell verabschiedete sich mit einem "Sollte es geklappt haben, weiß ich, wo ich dich finden werde". Danach trennten sich ihre Wege. Cait ging zum Markt und besorgte, bis auf eine Sache, alles was es für ihren Plan brauchte.
Zwei Tage später. Da stand sie nun. Tief im Norden des Ostwaldes, nur einen Schritt vom feindlichen Sylphen-Gebiet entfernt. "Wäre das kein Himmelfahrtskommando, würde das hier an Exhibitionismus grenzen" dachte sie sich und betrachtete ihr Spiegelbild im Wasser. Sie zerschlug eine Phiole, aus dessen Scherben roter Rauch aufstieg. Die in Lumpen gekleidete Miqo'te schulterte ihren schweren Sack und schritt langsam voran. Die grünen Bäume und Sträucher färbten sich mit jedem Schritt in ein immer dunkler werdendes Lila, während dichter Nebel den Boden bedeckte. Lediglich ein paar fluoreszierende Pflanzen und Pilze spendeten genug Licht, sodass sie sich im dunklen Wald orientieren konnte. Und sie wurde beobachtet. Es schien sie anfangs nur zu verfolgen aber jetzt schien es sie zu umkreisen. Schnelle Flügelschläge sirrten durch die Luft, ebenso wie leises Getuschel. Cait hielt inne und sprach mit lauter Stimme: "Ich kann euch nicht sehen, aber ich weiß, dass ihr da seid..." Es wurde still. Ein Surren kam vom Himmel herunter und eine lilafarbene Sylphe offenbarte sich. Hinter Cait erschien eine Weitere. Und seitlich. Von überall kamen sie angeflogen. Cait griff in ihre Kutte, als heftiger Stoß sie zu Boden warf und sie bewusstlos machte... .
Stimmen. Stimmen, die sie sich über die gefundene Miqo'te berieten. Aufgeregt. Wütend. Ängstlich. Verwundert. Cait konnte langsam die Augen wieder öffnen und die Stimmen klarer hören. Sie lag am Boden. Entwaffnet. Gefesselt und in ihren Lumpen gehüllt. Nur schwer konnte sie sich aufrichten und sah wie die Sylphen um den schweren Sack schwebten, der mit lilafarbenen, schwach flackernden Kristallen gefüllt war. "Ein Geschenk" rief Cait ihnen zu "Ein Geschenk für euren Gott, dem Hüter eures Waldes. Doch im Gegenzug benötige ich seine Weisheit". Eine der Sylphen drehte sich zu Cait, zog ein Messer hervor und hielt ihr an die Kehle. Sichtlich verärgert brummte die Sylphe etwas davon, wie sie es als Ketzerin wagen könne, Befehle zu erteilen und dass es nicht ihr Gott sei. Doch Cait senkte ihren Kopf leicht und blickte ihr in die Augen und sprach: "Wollt ihr eurem Herren der Blitze meine großzügigen Opfergaben etwa vorenthalten? Wollt wirklich riskieren, seinen Zorn über euch kommen lassen? Ich verlange ... nein... ich bitte lediglich um eine Audienz mit seiner Heiligkeit, danach kann er oder ihr mit mir machen, was euch im Sinn ist". Widerwillig steckte die Sylphe ihr Messer weg und ließ die gefesselte Miqo'te und ihre Habseligkeiten zum Baum des Urteils bringen.
Auf der Spitze des Baumstumpfes angekommen, legten die Sylphen die Kristalle in die Mitte und begannen damit ihren Gott zu rufen. Es dauert nicht lange, als die Wolken sich zuzogen und ein Grollen am Himmel zu hören war. Die Luft lud sich elektrisch auf, als der erste Blitz sehr nahe an den Sylphen einschlug. Dann der nächste. Und noch einer. Immer mehr und lauter. Ohrenbetäubender Donner kündigte sein Kommen an: Ramuh. Der Gott der Blitze und Hüter des Sylphenwaldes. Die letzten Blitze zuckten noch über den Baumstumpf, an dessen Rändern sich Regenwasser gesammelt hatte, bevor sie endgültig verschwanden. Gelassen bemerkte Ramuh die gefangen genommene Miqo'te, welche sich aufrichtete und sich ihm langsam zu nähern versuchte. Die Sylphen hinderten sie aber sich dem Primae weiter zu nähern, doch Ramuh ließ ihre Fesseln lösen und sie gewähren. Cait rief ihm entgegen: "Hört mich an, Herr des Donners und der Blitze. In der Vergangenheit betrat ich mehrfach euren Wald in böser Absicht. Durch meine Hand erlitten Dutzende eurer Schützlinge einen qualvollen Tod. Ich entweihte ihren heiligen Wald und tränkte ihn in Sylphen-Blut. Diese Kristalle dienen jedoch nicht als Wiedergutmachung, sondern als Tribut für eure Anwesenheit. Ich erbitte euch: Nehmt mein Leben, nehmt alles davon und verbannt meine böse Seele ins Nichts."
Ramuh runzelte mit der Stirn und hob seinen Stab. "Euer Urteil ist gewählt" sprach er und schoss einen Blitz vom Himmel hinab, welcher Caits Körper durchschlug. Vor Schmerzen brach sie zusammen. "Ihr werdet eure Taten nicht mit dem Tod, sondern mit eurem Leben bezahlen. Ihr werdet für alle Zeiten als Sklavin meiner Anhänger dienen. Ohne Rast, ohne Ruh. Solange ihr lebt." Die Miqote biss sich auf die Zähne. Es lief nicht so, wie sie es sich vorstellte. Sie musste alles auf eine Karte setzen. Ramuh wandte sich den Sylphen zu, als Cait sich plötzlich losriss, ihre Waffe einer Sylphe entriss und ohne zu zögern dieser den Kopf abtrennte. Sie stürmte auf eine geschockte Sylphe zu. Die Gleiche, welche ihr zuvor mit einem Messer gedroht hatte, hielt Cait nun ihr Schwert an die Kehle. "Ironie des Schicksals, nicht wahr?" flüsterte sie der Sylphe zu.
Die Miqo'te sah Ramuh direkt in die Augen und brüllte ihm zu: "Hey du! Du kannst mich nicht bekehren, denn ich bin vom Licht gesegnet. Leviathan, Ifrit, Titan... all die falschen Götter knien vor mir. Ich habe sie besiegt und ihre Anhänger gejagt und ermordet. Jeden einzelnen von ihnen. Auch die Kinder. Und es hat mir große Freude bereitet, ihre Schreie in ihrem eigenen Blut zu ertränken." Ramuh ergriff seinen Stab fester und der Boden lud sich elektrisch auf als Cait ihm weiter zu rief: "Jämmerlich. Nur ein schwächliches Abbild eines längst vergangenen Mythos. Was wollt ihr schon gegen mich ausrichten, wenn ihr euch im Wald verkriecht, wie ein ängstliches Tier? Zeigt mir doch eure Macht oder war das schon alles gewesen? Ich werde euch zusehen lassen, wie euer geliebter Wald von den Ascian und den Garlearn Stück für Stück auseinander genommen wird." Ramuhs Augen fingen an zu glühen. Es schien zu funktionieren. Cait fuhr mit ruhiger Stimme fort: "Und ich werde hier oben stehen und jeder Sylphe die Flügel einzeln ausreißen... . Ich stehe... zu meinem Wort..." lachte Cait leise und schnitt der Sylphe langsam die Kehle durch.
Der Blitzgott tobte. Die Wolken verdunkelten sich und die Sylphen flohen vor den lauten Donnerschlägen. Ramuh richtete seinen Stock auf Cait und feuerte einen hellen Blitzschlag auf sie herab. Cait schrie vor Schmerz, aber lachte ihn aus: Der wütende Primae fokussierte einen weiteren Angriff. Cait blendete Ramuh, doch dieser bündelte weiter seine Kraft. Blitze zuckten heftig durch die Luft, der Baumstumpf begann zu beben. Cait wurde ruhig. Wartend. Elektrische Teilchen stiegen in Zeitlupe vom Boden hinauf, während das Wasser zu ihren Füßen zu leuchten begann. Sie senkte ihr Schwert, welches von der Spitze der lilafarbenen Klinge an vaporisierte. Sie konnte fühlen, wie sich zuerst ihre Kleidung und dann ihr Körper unter der Hitze eines ionisierten Blitzstrahls auflöste. Sie schloss die Augen und lächelte leicht. Eine Männerstimme schien leise flüstern: "Lass uns ruhen. Zusammen."
Tilari war mit einem Luftschiff auf dem Heimweg, als er bemerkte wie ein helles Licht den grauen Himmel erhellte, gefolgt von einem lauten Knall, der durch die Luft hallte. Er vergewisserte sich, dass er den Briefumschlag dabei hatte und schrieb etwas in sein Notizbuch... .